Hans Wrage

Landschaften


Stadtlandschaft

Eröffnungsrede von Kurt Gerntke zur Ausstellung "Stadtlandschaft" Kunstkreis Schenefeld 9. Mai 1982

Der Künstler Hans Wrage ist hier in Schenefeld kein Unbekannter mehr. Seine Beziehungen zum Kunstreis gehen über die Ausstellung seiner Arbeiten im Jahre 1975 und über die Beteiligung an der Ausstellung der Hamburgischen Künstlerschaft 1977 hinaus; denn Herr Wrage hat eine Reihe von Plakaten für den Kunstkreis gedruckt und dabei - entweder bei seinen eigenen Entwürfen oder aber bei Motiven anderer Künstler - durch den Siebdruck das Bild auf dem Plakat stärker zur Wirkung gebracht, als im Offsetdruck möglich ist. Plakate im maschinellen und preiswerten Offsetdruck wirken manchmal flau, während das Siebdruckplakat allein durch die Drucktechnik an Charakter gewinnt.

Es lag also nahe, Herrn Wrage zu bitten, über die Ausstellung hier im Saal hinaus uns über die Technik des Siebdrucks zu informieren. So finden Sie draußen in den neuen Vitrinen, die die Stadt Schenefeld für die Aktivitäten des Kunstkreises angeschafft hat, das Werkzeug für den Siebdruck, und Herr Wrage wird heute, wenn der große Betrieb in der Ausstellung abgeklungen ist, etwa um 12.15 Uhr in der Vorhalle den Siebdruck erklären und auch selbst drucken. In einer Vitrine finden Sie übrigens das Standardlehrbuch über den Siebdruck, welches sich über zwei Jahrzehnte bewährt hat und in 4. Auflage vorliegt. Der Verfasser, Herr Kurt Friedrich Ehlers, ist heute hier anwesend und deshalb Ihnen, Herr Ehlers, im besonderen einen herzlichen Gruß.

Doch meine Damen und Herren, Schwerpunkt meiner kleine Ansprache soll die Würdigung von Hans Wrage und seines künstlerischen Werkes sein. Vor fast sieben Jahren genau haben wir hier Hans Wrages Bilder gesehen und erlebten einen Querschnitt durch sein Schaffen: Bilder aus der Marsch, von Fehmarn, aus der Heide, Motive des Hamburger Hafens und auch Bilder aus der Stadt umreißen etwa die Welt, die für den Maler Wrage als künstlerischen Impuls interessant ist. Die spezielle Ausrichtung dieser Ausstellung auf die Stadtlandschaften hat ihren Anstoß bekommen in der großen Ausstellung im Kunsthaus Hamburg vor zwei Jahren. Dort wurde das Thema Stadt vielfältig angegangen, Hans Wrage konnte sich mit seiner Sicht gut behaupten und gehörte zu den wenigen, die dort gekauft wurden. Wrage ist wirklich in der Stadt Hamburg oder besser in den Stadtteilen, die hier besonders hervorgehoben werden, zu Hause, und es fließt sicherlich die innere Verbundenheit, die man früher unbefangener Heimatliche genannt hätte, mit in sein Werk ein, ohne daß eine kritische Verklärung entstehen könnte.

Stadt, das ist ein vieldeutiges Gebilde, mit zahlreichen Aspekten, die hier nicht ausgebreitet werden können. Die Stadteile Eimsbüttel und St. Pauli und eigentlich auch Altona haben in den hier eingefangenen Motiven eine gut hundertjährige, vielleicht auch 150jährige Geschichte und bescherten ihren Einwohnern einen Raum mit Licht und Schatten. Viele Zugewanderte, z.B. Landarbeiter aus Mecklenburg, wenn sie nicht ausgewandert waren, machten aus der schon großen Handelsstadt Hamburg eine Großstadt. Die Industrialisierung, die Gründerjahre blähten die Stadt auf, und der Wohnungsbau jener Jahre überschwemmte die Weiden des Dorfes Eimsbüttel und die offenen Gebiete zwischen Altona und Hamburg mit Mietshäusern, die teilweise mit Stuckverzierungen zur Straßenseite hin verschönt wurden, durch deren Torbögen man aber in die Hinterhöfe gelangte, in denen Wohnraum in Schlichtbauweise erstellt worden war. Aber auch das bessere Mietshaus mit verschönter Straßenfassade hatte eine kahle Rückseite, die im Normalfall nie wieder gestrichen wurde, nur wenn sie gegen Westen stand und durchfeuchtete wurde sie geteert.

Die Wohnwelt dieser Stadtteile war gekennzeichnet durch Enge mit vielen Reibungsstellen zwischen den Menschen, es fehlte der Freiraum, es fehlte das Sonnenlicht, und es blühte die Armut, so daß der Krämer an der Ecke anschreiben mußte und die Kneipe, die es an jeder Straßenkreuzung gab, den Männern einen fragwürdigen Trost gab. Diese Welt der hier angesprochenen Hamburger Stadtteile hat keine so berühmten Chronisten gefunden, wie das Armenviertel in Berlin, wo Künstler wie Zille oder Kollwitz lebten, Namen, die hier nicht erläutert werden müssen.

Aber in den dicht bebauten und überbevölkerten Stadtteilen gedieh auch die Mitmenschlichkeit, die Nachbarschaft, und es gab auch die Bemühung, in die grauen Hinterhöfe Farbe zu bringen, wenn Blumen in noch nicht gepflasterten Fleckchen Erde gezogen und Balkonkästen liebevoll betreut wurden. Um die Jahrhundertwende wirkte sich auch die Idee des Leipziger Arztes Daniel Schreber aus, und die Ländereien vor der bebauten Stadt wurden parzelliert und zum Kleingarten gemacht, von Menschen, die in der Enge der Mietskasernen wohnen mußten, aber in den heute voll bebauten Stadtteilen Stellingen, Langenfelde, Bahrenfeld einen Ausgleich auf den gepachteten Grünflächen fanden.

Hans Wrage wurde 1921 geboren, seine Jugend verbrachte er in der Hamburger Neustadt, beim Michel, einem Stadtteil, der trotz seines Namens natürlich eine ältere Bebauung hatte als Eimsbüttel. In den dreißiger Jahren lernte Hans Wrage Gebrauchswerber, aber es drängte ihn, seine gestalterischen Fähigkeiten ins Künstlerische zu übertragen. Er nahm Unterricht bei Friedrich Schaper, und es zog ihn nach Worpswede. Die große Blüte dieser Künstlerkolonie war abgeklungen und bei den Nazis verfemt, aber Maria Vogeler führte dort noch ein offenes Haus, nachdem ihr Mann Heinrich Vogeler nach Rußland gegangen war, und bot jungen Künstlern eine Rahmen für die Landschaftsmalerei in Worpsweder Tradition

Wrage wurde dann zwar 1940 eingezogen, geriet 1943 in Gefangenschaft und kam so über England nach Amerika, wo er bis 1947 als Kriegsgefangener bleiben und auch arbeiten mußte. Aber die Zeit im amerikanischen Camp konnte auch für die künstlerische Fortbildung genutzt werden, denn die Harvard Universität organisierte Kurse für die Gefangenen z.B. in Kunstgeschichte, und ein österreichischer Maler, akademisch gebildet, Walter Honeder, konnte Wrage entscheidend fördern.

Nach der Rückkehr aus Amerika hatte Wrage die schlechten Nachkriegsjahre durchzustehen, er arbeitet in seinem Beruf und wurde Schließlich Lehrer für Gestaltung an der Berufsschule für Wirtschaftswerbung, die natürlich auch Siebdruck lehrt.

Aber die künstlerischen Studien wurden 1948 wieder aufgenommen mit Kursen an der damaligen Landeskunstschule am Lerchenfeld, und dann entsteht ein reiches künstlerisches Werk, von dem Sie eine kleine Teil hier sehen können, und welches ausgewählt wurde nach der Ausstellungsidee Stadtlandschaft, denn Hans Wrage hatte durch die Bomben seine Wohnung verloren und nistete sich nun in Eimsbüttel ein, wo er heute noch in der Emilienstraße wohnt. Er blieb also in einem Stadtteile, in dessen Straßen verhältnismäßig weniger durch den Krieg zerstört worden war als etwa in Rothenburgsort, aber es war das Stadtbild doch bestimmt durch das Nebeneinander von Trümmerflächen und abgeschnittenen Häuserzeilen, und im Laufe von dreißig Jahren erlebte Wrage es mit, wie ebenerdige provisorische Läden gebaut, breite Verkehrsadern durch die Stadt gelegt wurden und ein neuer Wohnungsbau zwar keine Hinterhöfe mehr entstehen ließ, aber durch das rationelle Bauen die glatte Fassade so bevorzugte , daß seelenlose Wohnkästen und Silos entstanden.

Erst die Architekten diese Jahrzehnts brechen die glatte Fassade wieder auf und gliedern sie, aber was dreißig Jahre Heimat gebracht hat, macht nachdenklich.

Hans Wrage ist durch diese sich wandelnde Stadt immer wieder mit seiner Staffelei gezogen und hat Zeichnungen die Konturen der verwinkelten Straßen und Häuser festgehalten. Wenige aus der großen Fülle der Stadtkonturen sind ausgestellt. Wrage hat mit Wasserfarbe und Öl immer vor Ort gemalt, eine Sache, die selten geworden ist, denn die meisten Künstler malen heute aus dem Kopf heraus oder nach Fotos, während Wrage die unmittelbare Anregung aus dem Motiv für sein Schaffen braucht. Er gehört damit in die Reihe der Hamburger Malertradition, die von Lichtwark, dem berühmten Direktor der Hamburger Kunsthalle, abgeregt wurde, für die große Hamburger Maler leuchtende Beispiele geben, zu denen auch Wrages Lehrer Professor Friedrich Schaper gehört und zu denen auch Otto Brügmann gezählt werden muß, dessen Ausstellung vor einem Jahr hier zu sehen war, von dem wir aber natürlich keine Stadtlandschaft hätten bekommen können.

Wrage malt draußen in der fast noch unberührten Natur, aber auffällig ist doch bei der Wahl seiner Motive die starke Neigung, Gegenstände, die der Mensch geschaffen hat, zu Eckpunkten seiner Bilder zu machen und damit Spannung in die Komposition zu bringen. Dabei ist das Bild der Stadt kein Abklatsch, sondern die gestalterischen und malerischen Fähigkeiten Wrage erbringen Bilder mit klarer Konzeption, mit guter räumlicher Gliederung, mit interessanten Farbwerten, die über die Dokumentation der Stadtansicht hinaus innere Werte einschließen.

Wrage verdeutlicht in seinem Werk, daß das Verhältnis des Menschen zur Enge der Häuser nicht nur Abwehr bewirkt, sondern auch Geborgenheit ergibt, so daß zum Beispiel Tragödien entstehen können, wenn bei der Stadtsanierung alte Häuser abgerissen und alte, langjährige Bewohner entwurzelt werden und dahinwelken. Wir erfahren aber auch als erfreuliche Wende, daß besonders jungen Menschen die abgenutzten Häuser der Stadt zu schätzen wissen und durch ihre positive Einstellung der Stadt Leben und Wärme verleihen.

Hans Wrage hat diese Möglichkeiten in seinem malerischen Werk nie aus den Augen verloren. Er hat aus dem bescheidenen Spiel des Lichts auf den grauen und verwitterten Hauswänden den Anstoß für das Malen gefunden und die abgelegenen Winkel der Stadtteile Altona, Eimsbüttel und St. Pauli liebevoll ins Licht gesetzt.


© CTW Thomas Wrage Stand: 11.12.1999