Stadtlandschaften, Hafen und Küste
Eröffnungsrede von Ruth Dunkelmann zur Ausstellung "Stadtlandschaften, Hafen und Küste" im Rathaus Reinbek 10.März 1991
Meine Damen, meine Herren, haben wir nicht alle unsere Freunde an der Natur, schlägt uns nicht das Herz höher beim Blick in "unsere" Landschaft, in die Umgebung, in der wir uns aus uneingestandenen Gründen wohl fühlen? Und ist es nicht dennoch erst der Künstler, der mit seinen Arbeiten uns so recht die Augen öffnet, der uns die Sicht heranrückt und uns auf Details aufmerksam macht, die uns in dieser Feinheit beim flüchtigen Hinsehen entgangen sind?
Indem der Maler das Motiv zusammenfaßt, erkennen wir häufig das Bekannte wieder, sehen aber mit anderen Augen darauf, jetzt mit dem Blick des Künstlers, der für sein Bild das Beiläufige aussparte und das für ihn Wesentliche neu zusammenfügte zu seiner Komposition, die im Falle des stärksten Wiederklingens in uns verhaltene, auch vernehmliche Ahs und Ohs auslöst - dies je nach Temperament.
"Stadtlandschaft, Hafen und Küste" sind die Themen, zu denen der Maler Hans Wrage uns heute einlädt. - Es sind die ihm wichtigsten Motive - könnte die Norddeutsche Landschaft noch dazuzählen - die Motive, an deren Variation er seit vielen Jahren arbeitet, die ihn wechselweise stets aufs neue anregen und fesseln. Gern hat der Künstler auch auf seinen Reisen aquarelliert und gezeichnet, doch ist er stets wieder voller Neugier ins heimatliche Norddeutschland zurückgekehrt.
Hier in Hamburg wurde Hans Wrage 1921 fast unter dem Michel geboren, dort ist er aufgewachsen, und seine Liebe zu Maurern, Höfen und Straßenzügen mag aus dieser Vertrautheit mit der Großstadt entsprungen sein. Seine künstlerische Ausbildung erhielt Hans Wrage an der Landeskunstschule am Lerchenfeld einerseits, vorher jedoch studierte er bei beim versierten Pädagogen Friedrich Schaper Malerei. Zu dieser Zeit, Ende der Dreißiger Jahre, hatte Schaper schon ein reiches, auch erfolgreiches Malerleben hinter sich. Als junger Mann war es Mitbegründer des auf Betreiben Alfred Lichtwarks 1897 ins Leben gerufenen Künstlerclubs gewesen und hatte mit seinen Malerfreunden, zu denen Thomas Herbst, Ernst Eitner und Arthur Illies gehörten, nach Anregungen des Museumsdirektors Lichtwark die Reize der Umgebung seiner Vaterstadt Hamburg entdeckt. Eine Reihe von Schapers Gemälden gehörten inzwischen zum Besitz der Hamburger Kunsthalle. Er, der während der zu seinem 85. Geburtstag seinen Freunden gestand. "Großborstel hat mich mehr interessiert als Italien und das Mittelmeer", hat sicher auch seinem Schüler Wrage die Augen für die Nähe seines Lebensbereiches geöffnet. Hans Wrage erinnert sich des Unterrichts bei Schaper und sagt: "Aquarellieren habe ich schon bei ihm gelernt."
Statt nun in Hamburg fortwirken zu können, knickte ins Schicksal Hans Wrages Lebensweg auf unberechnete Weise: Nach kurzem Studienaufenthalt in Worpswede wurde der Künstler zum Kriegsdienst einberufen. Er geriet 1943 in Gefangenschaft, kam nach England, später in die USA und konnte erst 1947 nach Hamburg zurückkehren. Glück im Unglück waren für ihn in den Vereinigten Staaten wichtige Malerfreundschaften, war die Möglichkeit, künstlerisch zu arbeiten wie auch die Einrichtung von kunstwissenschaftlichen Vorträgen durch die Harvard-Universität, an denen er im Gefangenenlager teilnehmen konnte.
Mit einer Ausstellungserfahrung und den im Lager entstandenen Bildern kehrte Hans Wrage nach Hamburg zurück. Seine Wohnung in der zerstörten Neustadt fand er nicht wieder: er zog mit den Arbeiten aus Amerika und ungebrochenem Elan in eine Unterkunft nach Eimsbüttel, dem Stadtteil Hamburgs, in dem sich für seine weitere Zukunft unverhofft mannigfache Motive verborgen hielten. Neben seiner Tätigkeit als Lehrer für Gestaltung an der Berufsschule für Wirtschaftswerbung stahl er sich abends und an Wochenende immer Stunden für die eigene freie Malerei und gewann dazu neue Kenntnisse in Techniken wie Radierung und Siebdruck. Obgleich Hans Wrage während seiner Gefangenschaft viel experimentiert hatte, sich vorübergehend der Abstraktion zugewandt, auch konstruktivistisch gearbeitet hatte, so führten ihn die Themen, die ihn nach der Rückkehr beschäftigten, schnell wieder dem Gegenstand zu.
"Ich liebe traurige, unrepräsentative Motive", sagt der Künstler, und so sehen wir sie denn vor uns, die baufälligen, einstmals prächtigen Fassaden, die platzenden Mauern, Holzplanken und Hinterhöfe. Da der Künstler all die Jahre durch Altona, St. Pauli und Eimsbüttel pirschte, immer auf der Suche nach pittoresker Schäbigkeit, hat sich eine Reihe von Darstellungen im Atelier zusammengefunden, die inzwischen schon historisch geworden ist. "Freie und Abrißstadt Hamburg", hat Alfred Lichtwark schon 1912 gewettert, erbost über die bauliche Erneuerungssucht der verantwortlichen Hamburger Behördengewaltigen: daran hat sich so viel nicht geändert. Wrages Version vom Altonaer Fischmarkt, "Der Krämer" von 1970 an der Köhlbrandtreppe, "Die Gärtnerei" von 1963 in Eimsbüttel oder der Blick auf die "St. Pauli Kirche am Pinnasberg", alles dies ist verschwunden oder inzwischen baulich verändert worden. Die Kämpfe heute um den Erhalt der Speicherstadt sind ein gegenwärtiges Beispiel für das mangelnde Verständnis zum Erhalt traditionsreicher Besonderheiten.
Machte der Künstler lange Zeit seine Vorzeichnungen mit dem Filzstift und führte dann recht streng Farben in die Rhythmische Konstruktion der Linien, so zeichnet er seit Anfang der 80er Jahre mit Bleistift und hat dadurch mehr Freiheit, die Farben bewegter einzusetzen, wobei die sehr bewußte Gliederung des Entwurfs auch beim Malen selten verändert wird.
Zeichnen und Aquarellieren, - auch das Ölmalen geschieht vor der Natur, sei es unter neugierigen Kinderaugen in einem Altonaer Hof, im Auto sitzend an verkehrsreicher Straßenkreuzung, zwischen verrosteten Eisenteilen im Hafengelände oder auf einem einsamen Nordseedeich zwischen unbeteiligt grasenden Schafen, wo nur der Ruf eines Austernfischers die Stille unterbricht. Auch hier findet er Motive ohne Sensation: Die Nordseeküste, die stillen Anlegeplätze, Blicke übers Wattenmeer oder Kutter im Schlick. Hans Wrage führt uns mitten hinein in die lapidare Schönheit von Nordfriesland und Dänemark und weist uns auf das Eigentliche, Spezielle, Prägende. Der Künstler sucht lange, ehe er mit dem malen beginnt, der Aufbau des gewählten Ausschnittes muß für ihn stimmen: Durch graphische Linien der Landschaft, Proportionen von Architekturen oder Farbtupfer, die ihn fesseln. "Ich sehe das Bild bei Beginn völlig abstrakt, - aus den Formen entwickeln sich bei der Arbeit dann Gegenstände", sagt Hans Wrage, der sich so ganz nebenbei auch noch intensiv mit der Historie von Stadt und Land befaßt, die ihn künstlerisch beschäftigen.
Meine Damen, meine Herren, dies war der Versuch, Ihnen den Maler und seine Arbeitsweise näher zu bringen; jetzt aber sind Sie aufgefordert, jetzt beginnt für Sie das Zwiegespräch mit den Bildern von Hans Wrage, bei ich dem ich für den Künstler ein lebhaftes Echo erhoffe.
© CTW Thomas Wrage Stand: 11.12.1999