Zwischen Reeperbahn und Fischmarkt
Vortrag zur Eröffnung der Ausstellung "Zwischen Reeperbahn und Fischmarkt" im Staatsarchiv Hamburg von Archivdirektor Dr. Hans Wilhelm Eckardt
Vor genau einem Jahr, auf der Mitgliederversammlung 1996, habe ich Herrn Wrage persönlich kennengelernt. Sein Name und sein Werk waren mir schon länger bekannt. In der ZHG 1994 habe ich das von Carsten Meyer-Tönnesmann herausgegebene Buch " Der Hamburger Maler Hans Wrage" rezensiert, das Beiträge von Ruth Dunkelmann, Kurt Gerntke und Hans Wrage selbst enthält und sein Werk vorstellt.
Das Buch hatte mir spontan gefallen, und daher schrieb ich etwas darüber in unserer Zeitschrift. Das wiederum hatte Herrn Wrage gefallen, und so kamen wir vor einem Jahr ins Gespräch. Daraus entwickelte sich der Gedanke, Arbeiten von Hans Wrage hier im Staatsarchiv und für den Verein für Hamburgische Geschichte auszustellen. Diese Ausstellung ist von Herrn Wrage, Herrn Loose und den Mitarbeitern der Plankammer und der Restaurierungswerkstatt des Staatsarchivs in den letzten Monaten realisiert worden. Heute abend wird sie eröffnet. Warum ein historischer Verein eine Kunstausstellung präsentiert – darauf komme ich noch zu sprechen.
Jede Ausstellung lebt von den Objekten, die sie zeigt. Die Objekte zeigen dem Betrachter aber vielleicht etwas mehr, wenn über den Meister, der die Objekte schuf, etwas bekannt ist. Daher möchte ich Ihnen vorweg einige Informationen über Leben und Werk Hans Wrages geben.
Er wurde 1921 in der Hamburger Neustadt geboren, also ganz in der Nähe.
1937-39 machte er eine Lehre als Gebrauchswerber. In der Kunstschule Lerchenfeld besuchte er Abend- und Wochenendkurse und lernte dabei Malen und Zeichnen bei Friedrich Schaper; ein kurzer Studienaufenthalt führte ihn zu Marie Vogeler nach Worpswede; außerdem waren die Werke von Illies und Eitner wichtig für seine Entwicklung.
Seit 1940 war er Soldat in Italien und Nordafrika , 1943-1947 war er in Kriegsgefangenschaft in den USA und England. Diese Zeit konnte für malerische und zeichnerische Fortbildung genutzt werden, es entstanden Bilder des Lagerlebens und viele abstrakte Werke, die in der NS-Zeit ja verpönt waren, und die 1. Wrage-Ausstellung fand im Kriegsgefangenenlager statt.
Zurück in Hamburg, konnte Hans Wrage 1948 seine künstlerischen Studien am Lerchenfeld wieder aufnehmen. Schwerpunkte waren Portrait-, Akt- und Freilichtmalerei bei Rolf Böhlig und Erich Wessel.
Seit 1949 entstanden Ölbilder und Aquarelle vor der Natur. Neben Motiven des Hafens und der norddeutschen Landschaft malte Wrage seine ersten Bilder zum Thema Stadtlandschaft. Ich halte diese Motivgruppe für das eigentlich Charakteristische, das Spezifische seines Werkes (obwohl mein Lieblingsbild "Die Altenwerder Kirche" von 1983 ist, das nicht in der Ausstellung gezeigt wird).
Seit 1956 war Hans Wrage Fachlehrer an der Staatlichen Berufsschule für Wirtschaftswerbung.
Er ist bzw. war Mitglied im Berufsverband Bildender Künstler, in der Hamburgischen Künstlerschaft und im nicht mehr existierenden Hamburger Künstlerverein von 1832, dessen letztes Mitglied er war. Er beteiligte sich an den Gemeinschaftsausstellungen dieser Vereinigungen. Seit 1946 hat Hans Wrage an rund 50 nationalen und internationalen Gemeinschaftsausstellungen teilgenommen und sein Werk darüber hinaus in über 20 Einzelausstellungen präsentiert.
Hans Wrages Oeuvre umfaßt von den Motiven her v.a. die Stadt Hamburg und ihre Straßen, den Hafen und seine Arbeitswelt, die Landschaft Norddeutschlands und Jütlands mit den beiden Küsten.
Die Techniken sind die klassischen: Zeichnung, Aquarell und Öl.
Hans Wrage hat in dem genannten Buch die Frage beantwortet "warum ich so male, wie ich male". Ich zitiere:
"Das Wichtigste ist daher für mich als Künstler das Finden eines malerischen Motivs, nicht etwas im Sinne eines malerischen Winkels, sondern das Entdecken einer spannungsreichen Bildkomposition, deren Farben, Formen und Strukturen harmonieren, oder deren Dissonanzen mich spontan reizen, das Lebendige und Eigentümliche zu erfassen und wiederzugeben.
Die Bildgestaltung, ihr Aufbau, die Beschränkung auf das Wesentliche und das Malen finden dann vor dem Objekt in der Natur statt und nicht im Atelier."
An anderer Stelle hat er hinzugefügt: "Ich sehe das Bild bei Beginn völlig abstrakt – aus den Formen entwickeln sich bei der Arbeit die Gegenstände."
Aus den Werken Wrages zeigen wir hier und ab heute eine Auswahl, der wir die Überschrift "Zwischen Reeperbahn und Fischmarkt" gegeben haben. Es ist also ein Ausschnitt aus dem Schaffensbereich "Stadtlandschaft". Wir präsentieren Ihnen insgesamt 53 Bilder: 41 Zeichnungen, 11 Aquarelle und 1 Ölbild. Sie stammen aus der Zeit zwischen Mitte der 60er und Mitte der 70er Jahre.
In einer Vitrine wird die Technik des Siebdrucks dargestellt, dazu kann Herr Wrage Interessierten im Laufe des Abends vielleicht nähere Auskunft geben.
Hinweisen möchte ich auch auf den Katalog, den Herr Wrage zusammengestellt hat: Wohnen und Leben am Hafen- zwischen Fischmarkt und der großen Freiheit (Hamburg 1997, 71 S.).
Hans Wrages Stadtlandschaften zeigen völlig unspektakuläre Motive: marode Gemäuer, bröckelnde Fassaden, ineinander verschachtelte Häusergruppen, verfallende Zäune. Sein Blick ist "liebevoll neutral", wie Gerhard Kaufmann, der Direktor des Altonaer Museums, es ausgedrückt hat; die Darstellung ist nicht anklagend, sondern zurückhaltend. Die Bilder tragen so profane Titel wie
- "Breite Straße/Fischmarkt/Carsten-Rehder-Straße" (Zeichnung 1968)
- "Straßenkreuzung Pepermölenbek/Breite Straße/Fischmarkt" (Aquarell 1973)
ie Bilder zeigen ihr Motiv reduziert auf die graphischen Formen, die Farbe der Aquarelle und Ölbilder ist sehr zurückhaltend und dient der Form. Jede Ansicht ist auf das Typische zurückgeführt und wird damit – trotz ihres topographischen Bezugs – repräsentativ für die Gattung von Motiven:
- Straßen in Altona und St. Pauli sehen so aus wie auf der Zeichnung "Holstenstraße/Thedestraße" 1970 oder "Lincolnstraße" aus dem gleichen Jahr
- Höfe in Hamburg sehen so aus wie "Hof an der Talstraße" 1968
- Brücken über Hauptverkehrsstraßen sehen so aus wie auf dem hier nicht gezeigten sehr schönen Ölbild "Stresemannstraße In Altona" 1974
- Manche Läden und Kneipen in den kleinen Straßen am Hafenrand sahen so aus – man muß hier schon die Vergangenheit gebrauchen - wie auf verschiedenen Aquarellen und Zeichnungen in der Ausstellung
Die Verallgemeinerung läßt sich noch weiterführen: bevor das große Aufräumen und Durchstylen der 80er und 90er Jahre begann, sahen große Städte in den 60er und 70er Jahren in weiten Teilen so aus, wie Hans Wrage es zeichnete und malte. Solche Ecken, Höfe, Brücken und Baulücken kenne ich aus Berlin und aus dem Ruhrgebiet. Es ist ja das Phänomen, was manchem als typisch hamburgisch erscheint, in Wirklichkeit nur typisch großstädtisch ist.
Wrage zeigt die Reize des unspektakulären Alltags, er zeigt die Wunden und Narben und Schattenseiten der Stadt, er zeigt die Enge ihrer Hinterhöfe und die Weite ihrer Plätze. Wrage hat den Blick und den Mut, ein Grundstück, das mangels Bebauung als Abstellplatz eines Gebrauchtwarenhändlers dient, als lohnendes Motiv zu entdecken und zu gestalten – und damit etwas doch sehr Kennzeichnendes für das Stadtbild und die Gesellschaft jener Jahre festzuhalten. Das Motiv hat Hans Wrage sehr beschäftigt, denn in unserer Ausstellung ist es als Zeichnung, als Aquarell und als Ölbild vertreten.
Die Bilder Wrages zeigen also Urbanität: nicht die weltläufige, große, glitzernde, sondern eher kleine, schillernde, manchmal triste und melancholische.
Dabei taucht immer wieder das Motiv des Wandels auf, konkret: des Abreißens und Bauens. Davon zeigt zwar unsere Ausstellung nur wenig (das Aquarell "Abriß Ecke de-Voß-Straße und Große Elbstraße" 1970), aber in dem genannten Buch sind es die Bilder
- "Abriß der Gaswerke" 1977,
- "Bauwagen in der Lindenallee" 1974,
- "Abwrackbetrieb im Freihafen" 1990.
ch erwähne das, weil wir uns hier ja in einem Gebäude befinde, das abgerissen werden muß. Auch ohne Lichtwarks Diktum von der Freien und Abrißstadt bemühen zu wollen und so sehr wir Archivare uns auf den Neubau in Wandsbek freuen – es hat ja doch etwas trauriges, ein modernes Archiv nach nur 25 Jahren vor dem Abriß zu sehen und zu wissen, daß es diesen Raum in einem Jahr nicht mehr geben wird. Vielleicht reizt es Hans Wrage ja, den Abriß, die Ruine oder die kurzzeitige Baulücke ABC-Straße 19 festzuhalten. Es wäre ein historisches Dokument und würde eine Archivalie besonderer Art.
Damit bin ich bei der versprochenen Begründung, warum wir als historischer Verein eine Kunstausstellung zeigen- und noch dazu so herausgehoben, wie die Umstände es verlangen: als letzte Vereinsversammlung am bald vergangenen historischen Ort.
Die Bilder Wrage sind nicht nur unverwechselbare Kunstwerke, sondern auch historische Quellen. Sie sind Hamburgensien ganz besonderer, ganz anderer Art: nicht von der idyllischen, verklärenden Sorte, sondern mit realistischem Bezug. Sie sind bei aller künstlerischen Komposition topographisch festgemacht, sie gleichen den Verzicht auf Details durch das Einfangen von Atmosphäre aus.
rchivare sind ja eher zukunftsorientierte Leute. Sie sehen in den Spuren der Vergangenheit und der Gegenwart immer schon die Quellen der künftigen Historiker. Ich wage also mal die Voraussage, daß die Stadtlandschaften von Hans Wrage im nächsten Jahrhundert - das ja nicht mehr so weit entfernt ist - manches Buch zur Stadtgeschichte illustrieren werden.
Über Kunst zu reden, ist immer eine begrenzte Angelegenheit: begrenzt durch die Unzulänglichkeiten der Sprache, begrenzt durch die Subjektivität des Sprechenden. Ein Kunstwerk spricht selbst am besten – und es spricht jeden anders an. Ich möchte also nicht länger zwischen Ihnen und den Bildern von Hans Wrage stehen.
ch hatte in der letzten Woche das Privileg, immer wieder durch die im Aufbau befindliche Ausstellung gehen zu können und mich von den Bildern gefangen nehmen zu lassen. Sie haben jetzt Gelegenheit dazu. Gehen Sie, schauen Sie, machen Sie heute abend mindestens zwei Runden auf der Diele - einen größeren Gefallen können Sie dem Maler Hans Wrage nicht tun.
© CTW Thomas Wrage Stand: 11.12.1999