Nordische Impressionen
Eröffnungsrede von Prof. Kaufmann zur Ausstellung "Nordische Impressionen" in der Galerie Abraham Hamburg am 27.4.1995
Die meisten von Ihnen werden Bilder von Hans Wrage kennen und lieben. Immer wieder seit 1958 hat er sich in Hamburg an Ausstellungen beteiligt oder Arbeiten in Einzelausstellungen präsentiert, es gab also mancherlei Gelegenheit, seine Bilder kennenzulernen.
In Texten über seine Arbeit wird besonders eingehend seine Beschäftigung mit der Stadtlandschaft gewürdigt, und in der Tat spielen Zeichnungen, Aquarelle und Gemälde besonders aus den Stadtteilen Eimsbüttel, Altona und St. Pauli eine wichtige Rolle in seinem Schaffen.
Es ist allerdings nie der touristische Blick für das allbekannte schöne Hamburgmotiv gewesen, der ihn gereizt hätte - obwohl man das vielleicht hätte erwarten können, denn als langjähriges Mitglied des Hamburgensien-Vereins kennt er natürlich auch all jene Bilder, die eben Einheimischen wie Fremden das Hamburg-Bild vermitteln.
Nein, es sind die anspruchslosen Straßen, Plätze, Hinterhöfe, die bröckelnden Fassaden vergehender Pracht, dort, wo das Leben gerade nicht oder nicht mehr pulsiert. Als liebevoll neutraler Beobachter hat er sich diesen Ecken Hamburgs zugewandt, nicht als Ankläger, sondern eher als zurückhaltender Pädagoge, der vor Augen führt, daß selbst noch im Zustand des Vergehens eine solche Stadtlandschaft humanere Züge trägt als etwa die modernen
Großsiedlungen aus Beton am Stadtrand oder die Glitzerwelt moderner Einkaufsparadiese.
In dieser Ausstellung allerdings sehen Sie davon nichts. Es sind Landschaften aus Norddeutschland und Jütland, einschließlich des Hamburger Hafens, sieht man von ganz wenigen Ausnahmen ab, Bilder aus dem Kohlenschiffhafen, vom Reiherstieg und aus dem Harburger Hafen, Bilder aus Altenwerder, aus Siethwende in der Kremper Marsch, aus Fahretoft in Nordfriesland und von Sylt, aus Hvide Sande am Ringköbing Fjord auf Jütland, aus dem Rübker Moor nahe Buxtehude, aus dem Hannöverschen Wendland und aus der Heide, entstanden zumeist in den letzten zehn Jahren, doch gibt es auch einzelne ältere dabei, so die ältesten von 1958 - Straßenbau in Eimsbüttel - und von 1968 - Alte Barkassen.
Aber auch hierfür gilt dasselbe wie für die genannten Stadtlandschaften - unprätentiöse Landschaftsausschnitte ohne Dramatik, voller stiller Zurückhaltung, aber voller Bewegung durch das Zusammenklingen fein abgestufter Farben und einer mit malerischen Mitteln erzeugten leichten Atmosphäre, ein wenig kühl mit frischer Brise, wie es in Norddeutschland üblich ist, meist sonnig, kaum je regenverhangen. Man merkt, das ist die Landschaft, in der Hans Wrage sich wohlfühlt.
Und tatsächlich sind es Bilder aus jeweils vertrauter Umgebung, von Urlaubsorten zumeist, die er mit der Familie immer wieder aufgesucht hat, oder von bestimmten Partien im Hamburger Hafen, die er seit Jahren kennt. "Man muß sich einsehen in eine Landschaft", sagt er. Der schnelle Zugriff gleichsam im Vorbeifahren ist seine Sache nicht. Und es muß ruhig sein, nicht hektisch und betriebsam, er möchte ungestört arbeiten können. Natürlich stört ihn der einsame Zuschauer nicht, wenn er selbst mit Malblock und Staffelei in der Landschaft steht, aber es geht ihm da ähnlich wie dem Angler - den Mund halten sollte der Zuschauer schon. Dabei kann und mag Hans Wrage durchaus auch erzählen, er erzählt sogar spannend und amüsant, aber beim Malen möchte er sich ganz auf sein Bilde konzentrieren können.
Diese Bilder kommen einem gleich ganz bekannt und vertraut vor, wenn man sich nur ein wenig mit Malerei in Hamburg auskennt. Man meint Bilder von Rolf Böhlig wiederzuerkennen, von Erich Wessel, ja selbst von Friedrich Schaper und Thomas Herbst, und doch sind Wrages Bilder anders. Irgend jemand habe ihm einmal gesagt, berichtet Wrage, seine Bilder seien - im Vergleich zu genannten - eher etwas wirr. Nun klingt "wirr" leicht negativ, wie ungeordnet, nicht gut aufgebaut. Das ist aber nicht gemeint, denn sie sind alle durchaus sehr wohl in der Komposition gut angelegt und in ihrem Farbklang durchdacht und sensibel. Nein, wirr sind sie nicht, aber etwas in dieser Richtung ist es schon, was sie von den genannten Bildern der anderen Maler unterscheidet. Man könnte vielleicht sagen "kraus-bewegt", und Wrage selbst führt einen auf die Spur. Er schätzt sehr Alfred Kubin, insbesondere dessen flirrend-bewegte Federzeichnungen und Federlithographien. Kubin dient das Kitzlig-Erregte das Gitterartig-Dichte seiner Zeichnungen der Darstellung des Phantastisch-Grotesken, dem Eindringen in die unheimlichen Bereiche der menschlichen Psyche, er selbst spricht von Psychographik.
Wo Hans Wrage "kraus" wird, wird er zwar nicht gleich surrealistisch, aber es gelingt ihm auf diese Weise doch, etwa in den Bildern von Siethwende oder vom Altenwerder Querweg, das Flimmern der Atmosphäre der Marschlandschaft oder das trotz menschlicher Lenkung urtümliche Pflanzenwachstum auf eine ganz spezifische Weise einzufangen, die man von Böhlig oder Wessel z.B. so nicht kennt.
Hans Wrage ist ein bescheidener Mensch, und infolgedessen weist er unumwunden darauf hin, daß er ja als Maler eigentlich Autodidakt sei. Von Haus aus sei er ja Schaufensterdekorateur gewesen, anfangs bei Karstadt. Darin klingt natürlich nicht nur Bescheidenheit an, sondern auch berechtigter Stolz. Und so ganz Autodidakt ist er denn ja auch nicht gewesen, wiewohl er eine Kunstakademie nicht besucht hat. Aber die genannten Anklänge an Thomas Herbst, Friedrich Schaper, Rolf Böhlig oder Erich Wessel kommen nicht von ungefähr.
1921 in der Hamburger Neustadt geboren, waren die Zeiten, als der Berufsweg begann, schlecht. Die Dekorateurlehre sicherte den Broterwerb. Aber Wrage konnte schon immer gut zeichnen, und so schrieb er sich 1937 ein zu Abendkursen und Freiluftmalerei an den Wochenenden bei Friedrich Schaper an der Landeskunstschule. Ich will nun nicht von der Hamburger Freiluftmalerei der Lichtwarkzeit, bzw. des Hamburgischen Künstlerclubs sprechen - Sie kennen die Namen Illies, Wohlers, Eitner, Kaiser, von Ehren, Siebelist und den ältesten - Thomas Herbst, den Begründer des Künstlerclubs von 1897. Auch Schaper gehörte zu den Gründungsmitgliedern. Ihr Programm war die Beschäftigung mit der heimischen Landschaft, unbedingt vor der Natur, und das Erfassen der besonderen feuchten Atmosphäre über all den verschiedenen Grüntönen, letztlich der französischen Freilichtmalerei folgend. Eine große Schülerzahl trug diese Art der Malerei, die anfangs als schockierend galt, bis in unsere Gegenwart fort.
Über Schaper schrieb ein Kritiker 1949: "Das satte und doch so spröde Marschengrün, das allen Malern, die aus München oder Berlin kamen, so auf die Nerven ging, hat er bezwungen und aufs reichste abgewandelt." Im Hintergrund stand dabei Thomas Herbst, [während seiner Weimarer Studienzeit Kommilitone und Freund Max Liebermanns,] der 1905 über den begabten Schaper gesagt hatte: "Wenn ich das Talent von Schaper hätte, was für gute Bilder würde ich malen", - eine von dem mit Lob äußerst zurückhaltenden Herbst hohe Anerkennung für Schapers Sinn für seine valeurreiche Malerei.
Zu Beginn der NS-Herrschaft 1933 war Schaper 64 Jahre alt. Obwohl seine Bildereinsendungen für Ausstellungen im "Haus der deutschen Kunst" zwischen 1937 und 1942 zweimal abgewiesen wurden, ließ man ihn in Ruhe, und so konnte er auch seine Kurse unbehelligt abhalten. Durch Schaper lernte Wrage, was Farbe bedeutet und somit, was Malerei ausmacht - im Gegensatz zum Zeichnen- er vermittelte vor allem, wie man mit Farbe Stofflichkeit des Darzustellenden erzeugt, ohne sich in Details etwa von Mauerwerk, Dachbedeckung oder Blattbehang von Bäumen zu verlieren.
1940 - mit 19 Jahren - wurde Wrage eingezogen, und damit endete das Lernen bei Schaper. Er geriet 1943 in Afrika in US-amerikanische Gefangenschaft. Dort wurde durch die Harvard University Cambridge/Mass die Fortbildung im Sinne von Re-education organisiert, und dabei kam Wrage in Kontakt mit Walter Honeder, einem Maler aus Innsbruck, und Dr. Bushart, einem Kunsthistoriker von der Staatsgalerie Stuttgart, durch deren Unterricht er mit für ihn so Neuem wie abstrakter und ungegenständlicher Malerei bekannt wurde. Seit er 12 Jahre alt geworden war, hatte man zu Hause derlei ja als entartet gebrandmarkt.
Die Gefangenschaft endete 1946. Zurück in Hamburg nahm er die Abendkurse und die Freilichtmalerei an den Wochenenden erneut auf, zunächst 1947 bei Rolf Böhlig, und zwar Akt- und Freilichtmalerei, dann auch Akt- und Portraitmalerei bei Erich Wessel. Böhlig brachte ihn von der abstrakten und ungegenständlichen Malerei wieder zur stärker gegenstandsbezogenen Malerei zurück, obwohl in jener Zeit auch in Hamburgs Künstlerschaft heftig gestritten wurde, wohin der Weg gehen solle.
Wrage übernahm zeitweilig Böhlig’s Palette, aber auch Böhlig’s flächigerer Bildaufbau blieb nicht ohne Wirkung. Sie wissen ja, Rolf Böhlig war Schüler von Julius Wohlers gewesen, hatte dann aber unter dem Einfluß von Neuer Sachlichkeit und Expressionismus seinen unverwechselbar eigenen Stil gefunden. Durch den Unterricht bei Erich Wessel hellte sich die Palette auf, insbesondere die lichten Grün- und Blautöne scheinen mir in Wrages Bildern ohne Wessels Einfluß kaum denkbar.
Aber dann hatte Hans Wrage sich freigeschwommen. Böhlig konnte ihm nun beruflich behilflich sein - wie er selbst seit 1951 - Fachlehrer für die Grundausbildung der Dekorateure an der Handelsschule in Hamburg-Altona zu werden. Als dritter kam später noch der Illies- und Wohlersschüler Werner Bley dazu. Damit hatte nun Wrage einen sicheren Broterwerb, der war zwar nicht so einträglich wie der Lehrerberuf heute. Man mußte sich stets bescheiden, wie das auch von Böhlig berichtet wird, obwohl jener als Fachoberlehrer etwas besser dastand. Es war aber allemal günstiger als die eigene Dekorateurtätigkeit und gestattete Wrage nun die viel eingehendere Beschäftigung mit der Malerei als freier Künstler.
Auf die einzelnen Orte seiner Landschaftsmalerei hatte ich schon hingewiesen. Vielfach sind es Plätze, an denen sie alle immer wieder gewesen sind, die Mitglieder des Künstlerclubs wie auch deren Schüler. Bezeichnenderweise sind dies die Niederelbe und die Nordseeküste, nicht Ostholstein und die Ostseeküste.
In dem Zusammenhang ist noch einmal zu betonen, worauf ich immer wieder hinweise: Es wird ja nicht Landschaft abgemalt. Das Bild von Landschaft, Komposition und Farbigkeit ist im Kopf, bevor der passende Ausschnitt gefunden worden ist. So ist es nicht verwunderlich, daß alle Künstler derselben künstlerischen Herkunft nach gleicher oder ähnlicher Landschaft für ihre Bilder streben.
Wie fast alle ist auch Wrage nicht zu Hause geblieben. Er ist gereist, auch in ferne Länder, wie es der Geldbeutel erlaubte, aber immer ist die heimische Landschaft das bestimmende Element seiner Arbeit geblieben.
Unversehens gehört Hans Wrage zu den letzten Nachfolgern der aus dem Hamburgischen Künstlerclub hervorgegangenen Freilichtmalerei. Mit Albert Feser ist 1993 der letzte der eigentlichen Schülergeneration verstorben, und aus der nächsten Generation gibt es nur noch einige wenige Schüler Böhlig’s und Fesers, die sich selbst vorwiegend als Künstler fühlen. Alle, die bei Feser Schüler waren, stehen jetzt voll im Beruf und können sich den Kauf des einen oder anderen Bildes leisten. Inzwischen bietet Hans Wrage unter den noch lebenden Künstlern fast die letzte Möglichkeit dazu. Wünschen wir ihm und den Freunden seiner Kunst, daß er noch gesund und vergnügt weitermalen kann und mag.
© CTW Thomas Wrage Stand: 11.12.1999