Hans Wrage

Landschaften


Hamburger Künstlerschaft von 1832

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts fällt uns eine besonders große Bilder-freudigkeit auf. Unsere Stadt besitzt aus dieser Zeit eine Fülle von Hamburgensien, die wir besonders einer begeisterten Gruppe junger Hamburger verdanken, die sich neue Ziele in der Kunst setzten. Neu an ihnen ist ein engagiertes "Geschichts-bewußtsein" und ihre Entdeckung der volkstümliche Szene (z.B. Jakob Gensler, "Blankeneser Fischer" / Suhr "Hamburger Kleidertracht und Gebräuche", 1806).

Diese Entwicklung vollzog sich nicht nur in Hamburg, sondern in allen europäischen Ländern: Dieser Stilwandel vom höfischen Barock, vom antikisierendern Klassizismus hin zur Romantik und zum Biedermeier. Die Künstler der Romantik lösen sich von der Antike die jahrhundertelang Vorbild war, sie erneuern die Kunst des Mittelalters und entdecken die bis dahin für wider-wärtig gehaltenen Bauwerke der Romanik und der Gotik.

Ihr künstlerisches Interesse gilt den Menschen und der Landschaft der engeren Umgebung. So sind also die Hamburgensien, die wir aus dieser Epoche kennen, zum Teil Kunstwerke aus der Sicht ihrer Zeit, oder aber Nebenprodukte einer künstlerischen Bemühung, sobald es sich nur um objektgetreue Abbildungen handelte. Diese fanden in weiten Kreisen des Publikums regen Zuspruch, obgleich sie von den Künstlern selber oft als banale, untergeordnete und ihrem künstlerischen Bemühen im Wege stehende Tätigkeit empfunden wurden. Leider war eben das Publikum einer nüchternen, gegenwartsbezogenen Handelsstadt wenig kunstinteressiert, und es gab nur einen kleinen Kreis von anspruchsvollen Auftraggebern. Die Anfertigung von Statdtansichten , Landschaften aus der Umgebung, von Bildern volkstümlicher Szenen bot dagegen den Künstlern eine gewisse Existenzgrundlage.

Aus dieser Situation heraus schlossen sich fünfzehn Maler, Bildhauer und Architekten Hamburgs am 17.September 1832 zum "Klub Hamburgischer junger Künstler" zusammen, "Durch gemeinsam zu verlebende Stunden sich in der Liebe zur Kunst zu bestärken und sich künstlerisch zu fördern", war die Absicht diese Kreises. Zu den Gründern gehörten die drei Brüder Gensler, der Bildhauer Otto Sigismund Runge (Philipp Otto Runges Sohn), Otto Speckter, Julius Milde, A.P. Vollmer, Franz Heesche, bald darauf auch Hermann Kauffmann und der Architekt Chateauneuf (der Schöpfer der Alsterarkaden).

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, nach der französischen Revolution der Franzosenherrschaft und den Befreiungs-kriegen gründete man überall Verbände und Vereine, um gemeinschaftliche Ziele zu verfolgen. Parallel zu den vater-ländischen Vereinigungen entstehen auch andere, die sich zum Ziele setzen, ein breiteres Publikum für die Kunst zu interessieren.

So veranstaltete 1819 in Altona der ,,Verein vaterländischer Künstler und Kunstfreunde" seine erste Ausstellung. Der Kreis um Mettlerkamp gründet 1822 den ,,Kunstverein" in Hamburg, dessen Mittelpunkt seine Privatsammlung bildete. Zuvor gab es in Hamburg einige kleine Kunstzirkel, in deren Mittelpunkt ebenfalls ein Privatsammler stand. Über 5000 graphische Blätter, unter anderem von Dürer, Holbein, Cranach und Rembrandt besaß Gerdt Hardorff der Ältere, Zeichenlehrer am Johanneum und in der Sonntagsschule. Er gehörte ebenso zu den Anregern der "junger Künstler" wie Michael Speckter, dessen Sammlung das Interesse seiner Söhne Otto und Erwin sowie auch Philipp Otto Runges Frühe Neigungen für die Kunst weckte.

Sein Bruder Daniel Runge war übrigens. Mit Michael Speckter und dem Kaufmann Hülsenbeck in einer Speditionshandlung assoziiert, und aus dieser Freundschaft heraus entstand das bekannte Bild "Die Hülsenbeckschen Kinder" (im Besitz der Kunsthalle), das die Kinder vor dem Sommersitz der Familie in Eimsbüttel zeigt.

Als das gutgehende Geschäft durch die Kontinentalsperre zurückgeht, verkauft Michael Speckter seine Sammlung für 18000 Mark an den Kunsthändler Harzen (Harzen hat später seine Sammlung der Kunsthalle vermacht, sie bildete dort den Grundstock des Kupferstichkabinetts). Aus dem Erlös des Geldes wird 1818 die erste lithographische Anstalt in Hamburg eingerichtet. Formulare, Briefbogen, Notenumschläge, aber auch Schmuckblätter, Glückwünsche und Portraits werden in der Speckterschen Steindruckerei am Valentinskamp Nr.274 angefertigt.

Später übernahm Otto Speckter den väterlichen Betrieb, während sein Bruder Erwin, der Begabtere, sich der freien Kunst widmen konnte, nach München und Rom ging, sich dort den Nazarenern anschloß und Stipendien aus Hamburg erhielt. Die Specktersche Steindruckerei hat viele Arbeiten der Hamburger Künstler gedruckt und die Verbreitung ihrer Bilder bewirkt. Vielfach haben die Künstler auch selber nach ihren Aquarellen und Gemälden die Zeichnungen für den Druck angefertigt.

Die Maler Milde, Morgenstern, Oldach und Vollmer lernten zunächst in der Suhr-Werkstatt. Fast alle Maler der "jungen Generation" gingen zunächst durch die Zeichenschule von Gerdt Hardorff dem älteren, bevor sie die Akademien in Kopenhagen Dresden oder München besuchten. Die Hamburger Künstler verehrten ihn als ihr Haupt. 1852 verliehen sie ihm die Ehrenmitgliedschaft. Er sollte der erste Direktor der Kunsthalle werden und war auch 1822 Mitbegründer des Kunstvereins. Wahrend seines Aufenthalts in Dresden hatte er persönliche Beziehungen zu Goethe, Schiller und Herder. In Hamburg war er mit Klopstock befreundet.

Gerdt Hardorff, Wilhelm Tischbein, die Gebrüder Suhr, Siegfried Bendixen, Jeß Bundsen, Ernst Harzen und Philip Otto Runge zählt Alfred Lichtwark zur "lehrenden Generation", im Gegensatz zur ,,jungen Generation", der die Gründer des Hamburger Kunstvereins (meist zwischen 1800 und 1810 geboren) angehören.

Die junge Vereinigung wurde durch den kunstinteressierten Syndikus Carl Sieveking gefördert den Besitzer des Hammer Hofes. Einige Räume Seines Hauses ließ er von den Malern künstlerisch ausgestalten.

Das Speckterzimmer" im Museum für Kunst und Gewerbe legt Zeugnis davon ab.

Den Künstlern diente das alte Baumhaus als Sommerlokal hier hatte man von der Galerie aus einen malerischen Rundblick über Strom und Hafen. Während der Wintermonate versammelte man sich bis zum Hamburger Brand 1842 im Ratsweinkeller. Seit 1847 tagte der Verein jahrzehntelang im Patriotischen Gebäude. Bei den wöchentlichen Zusammenkünften mußte nach fester Ordnung ein Mitglied Arbeiten vorlegen oder statt dessen 4 Schillinge bezahlen. Offenbar waren aber die Kollegen sehr kritisch, denn vielfach zog man es vor, die 4 Schillinge zu zahlen. Die Sitzungsprotokolle wurden von den jeweiligen Präsidenten geführt, deren Amtsdauer nur 4 Wochen betrug.

Jeder Künstler war also auch einmal ,,Präses" seines Vereins, da eine Wiederwahl nicht üblich war. (Eine bemerkenswert antiautoritäre Haltung!) Aus den Sitzungsprotokollen geht hervor, wie stark man an allen wichtigen Ereignissen der Stadt teilnahm. Sie enthalten z.B. Berichte über Rettungs- und Hilfsaktionen während des großen Brandes von 1842, und in den 48er Jahren stand laut Protokoll die Politik wochenlang im Mittelpunkt der Diskussion.

Seele des Künstlervereins bildeten lange Zeit neben Otto Speckter die Gebrüder Gensler, und Wirken und Verdienst der ,,jungen Maler für Hamburg wird besonders in der Person von Martin Gensler deutlich.

Alfred Lichtwark schrieb 1893 über ihn: ,,Nach dem großen Brande war er ein thächtiges Mitglied der vom Senat eingesetzten Kommission für Erhaltung der Altertümer. Seinerzeit galt er für einen der besten Kenner hamburgischer Altertümer. Seine Aquarelle und Zeichnungen aus dem Johanniskloster und der Johanniskirche und noch anderen alten Bauresten sind oft die einzigen Urkunden über die zerstörten Werke der Väter. In ihrer Art sind sie durchaus meisterhaft. Auch literarisch war Martin auf diesem Gebiet tätig.

Nach dem Brand war es hauptsächlich Martin Gensler, der die Begründung einer Sammlung hamburgischer Altertümer betrieb. In den sechziger Jahren erlebte er dann noch die Freude, bei der Gründung unseres Museums für Kunst und Gewerbe mitwirken zu können.

Da die Bevölkerung allmählich empfänglich geworden war, ist seiner Lebensarbeit im hohen Maße zu verdanken. Noch 1829 konnte die Johanniskirche und das Johanniskloster zerstört werden, ohne daß sich eine Hand regte, ihre Schätze zu retten. Nur Martin Gensler brachte damals eine schön geschnitzte Truhe an sich, deren Bruchstücke jetzt das Museum für Kunst und Gewerbe aufbewahrt.

Im Jahre 1868 trat eine Komission zur Beratung und Begründung des Museums für Kunst und Gewerbe zusammen, der auch Martin Gensler angehörte, und ein Jahr später wurde die erste Leih-ausstellung von Altsachen in Hamburg veranstaltet, gerade vierzig Jahre nach der Zerstörung der Johanniskirche. Solange Zeit bedurfte es, um den Ideen zum Durchbruch zu helfen, die zuerst Bundsen und Bendixen künstlerisch betätigt hatten und die dann von Martin Gensler ein Menschenalter lang in Wort und That gepflegt worden waren.

Allgemein gesehen haben sich die Maler in Hamburg mit Ausdauer Fleiß und einer vornehmen Bescheidenheit durchringen müssen, ihre gesellschaftliche Stellung wird in einem Aufsatz von Karl Scheffler 1920 sehr treffend charakterisiert ,,Die Göttin der Stadt sieht in der Malerei eine ziemlich brotlose Kunst. Die Gesellschaft erkennt den Maler nicht leicht als ebenbürtig an.

Den Musiker: ja, sogar den Schauspieler, der Maler aber erscheint Ihr leicht als ein Entgleiser. Darum bat die Gesellschaft In Hamburg: die sehr einflußreich ist, den Maler von je eingeschüchtert. Sie hat ihn geduldet, ihm aber Kühnheit und lautes Auftreten verwiesen.

Ein Senator war immer unendlich viel mehr als ein guter Maler, der reiche Kaufherr legte dem Maler bestenfalls die Hand gönnerhaft auf die Schulter.

Man spürt diese Einstellung auch noch ein wenig aus einer Distanz von 90 Jahren, etwas hanseatisch kühl und gelassen würdigt Gustav Pauli (1925) die Verdienste der Gründer des Hamburgischen Künstlervereins: ,,Die Meister dieser Schule haben zwar keine weltberühmten Werke hinterlassen, aber eine Fülle vortrefflicher Gemälde' und Studien, die ein umfassendes Bild ihrer Vaterstadt, der Menschen, der Bauten und der Landschaft des alten Hamburgs gewähren . Dabei kann man mit Fug und Recht behaupten, daß bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts alle bedeutenden.

Maler, Bildhauer und Architekten Hamburgs Mitglieder des Künstlervereins waren, somit Hamburger Kunst mit ihm identisch war. Der Geist und die Bemühungen dieser Künstler wird besonders in einem Ausspruch Hermann Kauffmanns deutlich. ,,Jeder schaffe nach Kräften das Seine, ehre des anderen eigentümliches

Wirken und suche durch eigene Selbständigkeit des Ganze zu heben! Hans Leip fügte zum 100. Geburtstag des Vereins hinzu: ,,Diese Eintragung in das Tagebuch der Hamburger Künstlervereins macht den Maler Hermann Kauffmann unsterblich, und hätte er nie eines seiner trefflichen Wind- und Wetterbilder gemalt Es könnte und sollte über jedem Verein stehen, über jeder Gemeinschaft, über allen Parteien, über den Völkern Europas, über der ganzen Menschheit


© CTW Thomas Wrage Stand: 18.02.2001